Functional Spirits (Whitepaper mit Hilfe von KI erstellt)

Whitepaper: Functional Spirits – Die neue Dimension bewussten Genießens

Executive Summary

Functional Spirits sind eine der dynamischsten Innovationen der globalen Getränkewirtschaft. Diese neuartige Produktkategorie vereint sensorischen Genuss mit gezielt zugesetzten funktionalen Inhaltsstoffen wie Adaptogenen, Nootropika, Cannabinoiden und funktionalen Pilzen. Das vorliegende Whitepaper analysiert auf Basis aktueller Marktanalysen von IWSR, NielsenIQ und weiteren Branchenquellen die Treiber hinter dem rasanten Wachstum. Die Untersuchung zeigt, dass Functional Spirits Teil eines breiteren kulturellen Wandels sind: Verbraucher, insbesondere Millennials und Gen Z, hinterfragen zunehmend die Rolle alkoholischer Getränke in ihrem Leben und suchen nach „kontrolliertem Genuss“ ohne die negativen Begleiterscheinungen klassischer Spirituosen. Zentrales Ergebnis der Analyse ist die Erkenntnis, dass alkoholfreie Alternativen und alcohol-adjacent Getränke zwei unterschiedliche, parallel wachsende Märkte mit je eigenen Verbrauchermotiven bilden. Anhand von Fallstudien führender Marken wie Aplós, Hiyo, Tattersall Functional Beverages und BRĒZ werden Markterfolgsfaktoren identifiziert. Abschließend diskutiert das Papier regulatorische Herausforderungen und gibt strategische Handlungsempfehlungen für etablierte Spirituosenhäuser, Getränkestart-ups und Investoren.

1. Einleitung: Begriffliche Einordnung und Abgrenzung

1.1 Was sind Functional Spirits?

Functional Spirits sind alkoholarme oder alkoholfreie Spirituosenalternativen, die mit zusätzlichen Inhaltsstoffen angereichert sind, um gezielte Wirkungen wie Entspannung, Fokussierung, Energie oder Stimmungsaufhellung zu erzielen. Sie lassen sich in folgende Unterkategorien unterteilen:

KategorieMerkmaleBeispiele
Adaptogen-TonicsMit Ashwagandha, Rhodiola rosea, Lion‘s ManeBRĒZ ELEVATE, Hiyo
Cannabinoid-InfusedTHC, CBD, CBG, CBN (hemp-derived)Tattersall Uplift/Unwind, BRĒZ AMPLIFY/DRIFT
Nootropika-DrinksMit Inhaltsstoffen zur kognitiven LeistungssteigerungThree Spirit, Spacegoods
Pilz-Infused AperitifsMit Reishi, Lion’s Mane, CordycepsAplós Calme/Ease

Diese Getränke versprechen ein sensorisch ansprechendes, erwachsenes Trinkerlebnis mit zusätzlichen gesundheitlichen oder stimmungsfördernden Vorteilen – oft ohne den Kater oder die kognitive Beeinträchtigung traditioneller Spirituosen.

1.2 Abgrenzung zur alkoholfreien Kategorie

Eine entscheidende Differenzierung betrifft die Unterscheidung zwischen alkoholfreien Alternativen (zero-ABV) und alcohol-adjacent Beverages (funktionale Getränke mit Wirkstoffen). Laut IWSR werden alkoholfreie Alternativen überwiegend aus Gesundheitsgründen und zur Alkoholreduktion nachgefragt, während alcohol-adjacent Produkte aus Neugier oder wegen des Wunsches nach psychoaktiven Effekten gekauft werden. Beide Kategorien konkurrieren nicht direkt miteinander, sondern bedienen unterschiedliche Konsumbedürfnisse.

2. Marktanalyse: Wachstumsdynamik und Marktgröße

2.1 Globale Volumenentwicklung

Die Marktforschungsfirma IWSR prognostiziert für alkoholfreie Alternativen (einschließlich zero-ABV Spirituosen und RTDs) ein Volumenwachstum von 36 Prozent zwischen 2024 und 2029. Bis 2029 sollen diese Produkte 18 Milliarden Servings erreichen – das Äquivalent von zwei Getränken pro Person auf dem Planeten.

Für alcohol-adjacent Getränke – wozu IWSR nicht-intoxizierende Hanfgetränke, nootropische und adaptogene Funktionsgetränke sowie botanikabasierte Drinks zählt – erwartet der Marktforscher für das Jahr 2025 ein Volumenwachstum von 11 Prozent, wenngleich von einer deutlich kleineren Basis aus.

2.2 Verdrängungseffekte im Alkoholmarkt

Die Verschiebung der Konsumentenpräferenzen hat bereits spürbare Auswirkungen auf den traditionellen Alkoholmarkt. Laut NIQ Off-Premise-Daten sanken die Umsätze mit Bier und Cider um 3,3 Prozent, Spirituosen verloren 4,1 Prozent und Wein sogar 6,1 Prozent in den 52 Wochen bis Januar 2026. Gleichzeitig verzeichneten alkoholfreie Getränke einen Umsatz von 1,01 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 – ein Anstieg von 18,5 Prozent im Vorjahresvergleich.

2.3 Geografische Schwerpunkte

Die IWSR-Studie basiert auf einer Umfrage unter 7.973 Personen im gesetzlichen Trinkalter aus zehn Schlüsselmärkten: Australien, Brasilien, Kanada, Frankreich, Deutschland, Japan, Südafrika, Spanien, USA und Großbritannien. Besonders die USA und Brasilien werden als zukünftige Wachstumstreiber der alkoholfreien Kategorie identifiziert.

3. Verbrauchermotive und Zielgruppen

3.1 Zwei divergierende Konsumlogiken

Die IWSR-Analyse zeigt zwei grundlegend verschiedene Verbrauchermotive:

  • Alkoholfreie Alternativen: 40 Prozent der Käufer von alkoholfreien Spirituosen nennen einen „gesunden Lebensstil“ als Hauptmotiv. Sie nutzen diese Produkte als Instrument zur Alkoholmoderation, insbesondere in sozialen Situationen. Durch die Nachahmung von Geschmack und Erscheinungsbild alkoholischer Getränke können moderationswillige Trinker vollständig an gesellschaftlichen Anlässen teilnehmen, ohne sich ausgeschlossen zu fühlen.
  • Alcohol-Adjacent Getränke: Hier steht nicht die Moderation im Vordergrund, sondern der Wunsch nach funktionalen Effekten. 17 Prozent der Käufer geben an, „ähnliche Effekte wie Alkohol durch funktionale Inhaltsstoffe erleben“ zu wollen, 20 Prozent kaufen aus „Neugier“. Nur 26 Prozent nennen Gesundheit als Hauptgrund. Alkohol-adjacente Getränke werden eher als Ersatz für die bewusstseinsverändernde Wirkung von Alkohol denn als gesundheitliche Alternative nachgefragt.

3.2 Generationsspezifische Trends

Die „Sober Curious“-Bewegung – ein Begriff, der das bewusste Hinterfragen der eigenen Trinkgewohnheiten beschreibt – ist besonders unter Millennials und der Generation Z verbreitet. Jüngere Konsumenten nennen überwiegend Gesundheitsbedenken (nicht Kosten oder soziales Stigma) als Hauptgrund für reduzierten Alkoholkonsum. Gallup-Daten zeigen einen historischen Tiefstand: Nur noch 54 Prozent der Amerikaner trinken überhaupt Alkohol – ein Rückgang von 62 Prozent im Jahr 2023. Interessanterweise kaufen die meisten Konsumenten von alkoholfreien Alternativen weiterhin auch alkoholische Getränke; funktionale Spirituosen sind eine Ergänzung, kein vollständiger Ersatz.

3.3 Die Rolle von THC-Getränken

THC-infundierte Getränke verzeichnen das stärkste Wachstum innerhalb des alcohol-adjacent Segments. Spate-Daten zeigen einen Popularitätszuwachs von 86,9 Prozent, wobei Google-Suchen einen Anteil von 97,9 Prozent ausmachen. Der Genuss von THC-Getränken in Bars und Restaurants wird besonders von Jüngeren getragen: 27 Prozent der Gen Z und 26 Prozent der Millennials berichten, in den letzten sechs Monaten ein THC-Getränk ausgeschenkt bekommen zu haben (im Vergleich zu 9 Prozent der Gen X und 2 Prozent der Babyboomer). Die Hauptkonsumgründe sind Entspannung sowie Stress- und Angstbewältigung.

4. Produktinnovationen und Ingredients-Trends

4.1 Die wichtigsten funktionalen Inhaltsstoffe

Die funktionale Wirkung von Spirituosen wird durch eine breite Palette von bioaktiven Substanzen erzielt:

InhaltsstoffkategoriePrimäre WirkungTypische QuellenBeispiele für Produkte
AdaptogeneStressreduktion, Energie, FokusAshwagandha, Rhodiola rosea, Lion‘s ManeHiyo, Aplós, Tattersall Uplift
NootropikaKognitive LeistungssteigerungL-Theanin, Bacopa monnieriBRĒZ ELEVATE, Spacegoods
Cannabinoide (hemp-derived)Entspannung, Euphorie, SedierungTHC, CBD, CBG, CBNTattersall, BRĒZ, Nowadays
Funktionale PilzeImmunmodulation, EnergieReishi, Lion’s Mane, CordycepsAplós, Three Spirit
BotanicalsAromagebung, milde EffektePassionsblume, Zitronenmelisse, IngwerHiyo, Aplós Calme

4.2 Marken-Fallstudien: Erfolgsfaktoren im Überblick

Aplós (USA) – Das 2020 gegründete Unternehmen hat im November 2025 fünf Millionen US-Dollar eingesammelt, um Produktion und Vertrieb zu skalieren. Das Portfolio umfasst drei zero-ABV ‚Spirituosen‘ (Calme, Ease, Arise) sowie eine RTD-Cocktail-Linie. Aplós ist in mehr als 2.000 Einzelhandelsgeschäften und auf über 1.000 Hotel- und Restaurantkarten in den USA vertreten, darunter Michelin-Sterne-Restaurants. Das Wachstum wird als „dreistellig“ beschrieben.

Hiyo (USA) – Der funktionale Social Tonic mit Adaptogenen und Nootropika (Ashwagandha, L-Theanin, Lion‘s Mane, Zitronenmelisse, Passionsblume) wird über mehr als 3.000 Vertriebspunkte vertrieben, darunter Whole Foods Market, Sprouts Farmers Markets und The Vitamin Shoppe. Constellation Brands – Eigentümer von Marken wie High West Whiskey und Casa Noble Tequila – hat eine Minderheitsbeteiligung erworben, ein Beleg für das Interesse etablierter Spirituosenkonzerne an dieser Kategorie.

Tattersall Functional Beverages (USA) – Der Craft Spirits-Hersteller expandierte im November 2025 mit zwei hemp-derived THC-Getränken in den funktionalen Markt. Die Produkte „Uplift“ und „Unwind“ kombinieren Cannabinoide (THC, CBD, CBG bzw. CBN) mit Adaptogenen wie Rhodiola rosea, Lion‘s Mane, Passionsblume und Reishi-Pilz sowie Elektrolyten. Beide Formeln enthalten nur 10 Kalorien pro Portion und nutzen Nano-Emulsionstechnologie für bessere Bioverfügbarkeit.

BRĒZ (USA) – Die Marke launchte vier funktionale Tonics (zwei THC-infundierte, zwei nicht-infundierte), die mit Adaptogenen, funktionalen Pilzen und Botanicals formuliert sind. Die Produktpalette deckt den gesamten Tagesverlauf ab: ELEVATE (koffeinbasiert für Fokus), AMPLIFY (5mg THC + 5mg CBD für soziale Energie), DREAM (CBD/THC-frei für Entspannung), DRIFT (5mg THC für abendliches Runterkommen). Die Produkte sind in allen 461 Sprouts Farmers Markets erhältlich.

4.3 Geschmacks- und Formatinnovationen

Die Sensorik spielt eine entscheidende Rolle für die Akzeptanz. Aktuelle Geschmackstrends umfassen florale Noten (Holunder, Lavendel, Rose), die insbesondere in besser-für-dich Limonaden und funktionalen Getränken an Bedeutung gewinnen. Ebenfalls im Trend liegen exotische Früchte wie Drachenfrucht, Soursop und Guave sowie funktionale Superfoods wie Chia und Chlorophyll. Im RTD-Segment gewinnen komplexe Cocktail-Rezepturen (Negroni, Spritz, Margarita) an Bedeutung, die über einfache Softdrinks oder Eistees hinausgehen.

5. Regulatorische Rahmenbedingungen

5.1 Fehlende Legaldefinition

Eine zentrale Herausforderung für die Kategorie Functional Spirits ist das Fehlen einer gesetzlichen Definition. Die FDA kennt keinen Rechtsbegriff für „Functional Food“ oder „Functional Beverage“. Stattdessen werden diese Produkte in eine von vier Kategorien eingeordnet – konventionelle Lebensmittel (einschließlich Getränke), Nahrungsergänzungsmittel, Arzneimittel oder medizinische Lebensmittel – mit jeweils sehr unterschiedlichen regulatorischen Implikationen.

5.2 Aufsichtsbehördliche Zuständigkeiten

Die Regulierung alkoholfreier Funktionsgetränke fällt in den USA nicht unter eine einzelne Behörde. Je nach Zusammensetzung, Verarbeitung und Vermarktungsaussagen können Produkte in die Zuständigkeit fallen von:

  • FDA: Bei funktionalen Getränken mit pflanzlichen Inhaltsstoffen und gesundheitsbezogenen Aussagen, insbesondere wenn Claims zu Stimmung, Schlaf oder Leistung gemacht werden (DSHEA).
  • TTB: Alkoholentfernte Weine und dealcoholisierte Biere fallen oft noch in die Zuständigkeit des Alcohol and Tobacco Tax and Trade Bureau, das strenge Anforderungen an Etikettierung und Entfernungsprozesse stellt.
  • FTC: Bei Werbeaussagen, die Verbraucher irreführen könnten.

5.3 GRAS-Debatte und künftige Regulierung

Eine besonders folgenreiche Entwicklung ist die von der FDA für Oktober 2025 angekündigte Regel, die die Selbstbestätigung von GRAS-Status (Generally Recognized as Safe) abschaffen soll. Dies würde den regulatorischen Pfad, der für über 60 Jahre Innovation im funktionalen Getränkesektor ermöglicht hat, fundamental verändern. Gleichzeitig schafft der Fall Kava in New York einen Präzedenzfall, wonach traditionelle botanische Inhaltsstoffe in Lebensmittelbetrieben als „nicht zugelassene Lebensmittelzusatzstoffe“ klassifiziert werden könnten – mit potenziell weitreichenden Konsequenzen für Adaptogene wie Ashwagandha, Ginseng oder Heilpilze.

5.4 Konsequenzen für Marken

Functional-Spirits-Marken müssen ihre Produkte vor Markteintritt korrekt klassifizieren. Fehlklassifikationen können zu Falschetikettierung, Produktbeschlagnahmungen oder Verbraucherklagen führen. Gesundheitsbezogene Aussagen wie „functional“, „adaptogenic“, „stress-relieving“ bedürfen angemessener wissenschaftlicher Untermauerung.

6. Herausforderungen und kritische Erfolgsfaktoren

6.1 Herausforderungen

Wissenschaftliche Evidenz und Health Claims. Viele gesundheitsbezogene Aussagen von Functional Spirits sind wissenschaftlich nicht hinreichend belegt. Die FDA hat keinen rechtlichen Standard für funktionale Lebensmittel oder Getränke definiert. Da die Grenzen zwischen Ernährung und Medizin verschwimmen, müssen Regulierungsbehörden sicherstellen, dass Marketingaussagen auf klaren und glaubwürdigen wissenschaftlichen Belegen beruhen, um Verbraucher vor irreführenden Gesundheitsinformationen zu schützen.

Regulatorische Unsicherheit. Die bevorstehende Abschaffung der Selbstbestätigung von GRAS-Status könnte die Markteinführung neuer Inhaltsstoffe erheblich verteuern und verzögern. Gleichzeitig variieren die Regelungen für THC- und CBD-haltige Getränke erheblich zwischen den Bundesstaaten (in den USA) und international.

Verbraucherakzeptanz. Trotz starken Wachstums ist die Kategorie noch jung. Viele Verbraucher kennen den Begriff „Functional Spirits“ nicht; die Marken müssen erhebliche Aufklärungsarbeit leisten. Der Preis vieler funktionaler Spirituosen liegt auf dem Niveau (oder über dem) klassischer Premium-Spirituosen, was die Marktdurchdringung erschwert.

Authentizitätsanspruch. Die Herausforderung besteht darin, eine glaubwürdige Balance zwischen funktionaler Wirksamkeit und sensorischem Genuss zu finden. Verbraucher erwarten sowohl ein hochwertiges Geschmackserlebnis als auch nachweisbare Effekte.

6.2 Erfolgsfaktoren für Marken

  • Korrekte regulatorische Einordnung vor Markteintritt als Grundlage für rechtssicheren Vertrieb
  • Wissenschaftliche Fundierung von Wirkversprechen durch klinische Studien oder zumindest robuste Evidenz
  • Transparente Kommunikation über Inhaltsstoffe, Dosierung und erwartbare Effekte
  • Distributionsexzellenz durch Partnerschaften mit etablierten Lebensmittel- und Getränkeeinzelhändlern (Whole Foods, Sprouts, The Vitamin Shoppe)
  • On-Premise-Präsenz in hochkarätigen Bars, Hotels und Restaurants als Qualitätssignal
  • Produktportfolio-Variation über verschiedene Tageszeiten und Anlässe hinweg (Morgenfokus, Sozialabend, Abendentspannung)

7. Ausblick: Zukunftsperspektiven für Functional Spirits

7.1 Marktentwicklung bis 2029

Die IWSR-Prognose eines Gesamtvolumens von 18 Milliarden Servings alkoholfreier Alternativen bis 2029 unterstreicht das disruptive Potenzial der Kategorie. Der alcohol-adjacent Markt wird voraussichtlich sein starkes Wachstum von 11 Prozent jährlich fortsetzen, wenngleich von einer kleineren Basis.

7.2 Künftige Innovationspfade

Die Branche wird sich in mehreren Dimensionen weiterentwickeln:

  • Personalisierte Funktionen: Maßgeschneiderte Mischungen für spezifische Konsumkontexte oder individuelle Bedürfnisse
  • Probiotische und metabolische Tonics: Ausweitung auf Darmgesundheit und Stoffwechselunterstützung
  • Neue psychoaktive Substanzen: Erforschung von Kava, Kratom oder anderen legalen, nicht-intoxizierenden Wirkstoffen
  • Premiumisierung im NA-Bereich: Steigende Qualitätsansprüche bei zero-ABV Spirituosen, die sensorisch mit klassischen Spirituosen konkurrieren können

7.3 Strategische Implikationen

Für etablierte Spirituosenkonzerne ist der Markteintritt in Functional Spirits keine Option mehr, sondern eine strategische Notwendigkeit. Die Investition von Constellation Brands in Hiyo und die Expansion von Tattersall in den funktionalen Bereich sind exemplarisch. Für Start-ups liegt der Erfolg in der Fokussierung auf ein klar definiertes Konsumbedürfnis, der Entwicklung reproduzierbarer Produktionsprozesse und dem Aufbau glaubwürdiger Retail-Partnerschaften. Für Investoren bietet die Kategorie hohe Renditechancen bei überschaubaren Einstiegshürden – vorausgesetzt, regulatorische Risiken werden sorgfältig bewertet.

Die größte strategische Herausforderung für alle Akteure bleibt die Bewältigung des Spannungsfelds zwischen Innovationsgeschwindigkeit und regulatorischer Compliance. Wer hier die richtige Balance findet, kann eine Schlüsselrolle in der Neudefinition des globalen Spirituosenmarktes übernehmen.

8. Fazit

Functional Spirits sind mehr als ein vorübergehender Trend. Sie sind die Antwort der Getränkeindustrie auf einen tiefgreifenden kulturellen Wandel: Verbraucher, insbesondere jüngere Generationen, suchen nach kontrollierten Genusserlebnissen, die sensorischen Hochgenuss mit funktionalen Vorteilen verbinden – ohne die negativen Konsequenzen traditioneller Alkoholika.

Die aktuelle Marktlage ist von bemerkenswerter Dynamik geprägt: IWSR prognostiziert zweistellige jährliche Wachstumsraten, führende Spirituosenkonzerne investieren in die Kategorie, und die Zahl neu eintretender Marken wächst rasant. Gleichzeitig steht die Branche vor erheblichen regulatorischen Herausforderungen – von der fehlenden Legaldefinition über die bevorstehende GRAS-Reform bis hin zu uneinheitlichen Regelungen für Cannabinoide.

Der Erfolg von Functional-Spirits-Marken wird davon abhängen, ob es gelingt, die drei zentralen Anforderungen zu erfüllen: sensorische Exzellenz, wissenschaftlich fundierte Wirksamkeit und regulatorische Compliance. Unternehmen, die dieses Dreieck beherrschen, können nicht nur von einem wachsenden Markt profitieren, sondern auch aktiv die Zukunft des bewussten Genießens mitgestalten.



Quellenverzeichnis

  1. IWSR (2026): No-alcohol and functional drinks both booming but for different reasons. https://www.theiwsr.com
  2. The Spirits Business (2026): IWSR: no-alcohol and functional drinks poised for ‚rapid growth‘. https://www.thespiritsbusiness.com
  3. BeverageDaily (2026): Functional, feel-good drinks edge out alcohol for ‚controlled indulgence‘. https://www.beveragedaily.com
  4. BottlePOS (2025): Beyond the Buzz: Why Functional Spirits Are on the Rise. https://bottlepos.com
  5. The Spirits Business (2025): Functional non-alc brand Aplós secures $5m. https://www.thespiritsbusiness.com
  6. The Spirits Business (2025): Constellation backs functional zero-ABV brand Hiyo. https://www.thespiritsbusiness.com
  7. Beverage Information Group (2025): Tattersall Launches Tattersall Functional Beverages. https://bevinfogroup.com
  8. Prepared Foods (2025): BRĒZ Expands to Sprouts Stores with New Line of Functional Tonics. https://www.preparedfoods.com
  9. Husch Blackwell (2023): Understanding Functional Food Categories and Their Implications. https://www.huschblackwell.com
  10. Juris Law Group (2025): The Rise of Non-Alcoholic Beverages: Navigating Regulatory Challenges and Seizing Opportunities. https://jurislawgroup.com
  11. Nutraceuticals World (2025): How the Kava Ban and Mandatory GRAS Could Transform the Functional Beverage Industry. https://www.nutraceuticalsworld.com
  12. Flavorman (2024): 2025 beverage industry trends predicted. https://foodandbeveragemedia.com.au
  13. Nombase (2025): The Ingredients Defining Functional Beverages In 2025. https://www.nombase.com

Anhang: Europäische Regulierung von Functional Spirits – Ein systematischer Vergleich mit dem US-Markt

Einführung: Die divergierenden regulatorischen Pfade

Während der US-Markt für Functional Spirits von der Frage geprägt ist, ob ein Inhaltsstoff den GRAS-Status (Generally Recognized as Safe) beanspruchen kann, funktioniert die europäische Regulierung nach einem grundlegend anderen Prinzip: dem Vorsorge- und Vorsichtsprinzip. Wo die US-amerikanische FDA traditionell eher reaktiv agiert („Marktzugang, bis ein Sicherheitsproblem auftritt“), erfordert die EU für viele innovative Inhaltsstoffe eine vorherige Zulassung, bevor sie überhaupt in Verkehr gebracht werden dürfen. Dieser Anhang analysiert die spezifischen rechtlichen Rahmenbedingungen in der EU, identifiziert die zentralen Hürden für Functional Spirits in der Kategorie alkoholfreier und alkoholreduzierter Getränke und zeigt strategische Adaptionsmöglichkeiten für Marken auf, die aus dem US-Markt nach Europa expandieren wollen.

Der europäische Markt für Functional Beverages ist mit einem Volumen von rund 38,35 Milliarden US-Dollar (2025) und einer prognostizierten Verdopplung auf 73,23 Milliarden US-Dollar bis 2034 eine der dynamischsten Wachstumsregionen für funktionale Getränke weltweit. Gleichzeitig ist er jedoch auch einer der am stärksten regulierten Märkte – mit strengen Regeln, die für US-amerikanische Marken erhebliche Umstellungs- und Anpassungskosten bedeuten können.


1. Grundlegende Kategorisierung: Was Functional Spirits in der EU (nicht) sind

1.1 Die Spirituosendefinition der EU (VO 2019/787)

Die Spirituosenverordnung (EU) 2019/787 definiert eine Spirituose als alkoholisches Getränk mit einem Mindestalkoholgehalt von 15 Volumenprozent. Für spezifische Kategorien wie Gin, Whisky oder Brandy gelten noch höhere Mindestalkoholgehalte – so müssen etwa Gin und Whisky mindestens 37,5 bzw. 40 Volumenprozent aufweisen.

Diese Definition hat weitreichende Konsequenzen für Functional Spirits: Alkoholfreie oder alkoholreduzierte Produkte erfüllen die legalen Kriterien einer Spirituose nicht und können daher nicht unter geschützten Spirituosenbezeichnungen vermarktet werden. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat im November 2025 bestätigt, dass selbst die Bezeichnung „alkoholfreier Gin“ unzulässig ist – da ein alkoholfreies Getränkt die Vorgaben der Spirituosenverordnung nicht erfüllt. Ebenso ist die Bezeichnung „alkoholfreier Whisky“ untersagt.

Praktische Konsequenz für Functional Spirits:

  • Functional Spirits können – sofern sie alkoholfrei sind – nicht als „Spirituosen“ im rechtlichen Sinne kategorisiert werden.
  • Sie fallen stattdessen in den allgemeinen Lebensmittelrechtsrahmen der EU (insbesondere die allgemeine Lebensmittelbasisverordnung (EG) 178/2002).
  • Geschützte Spirituosenbezeichnungen (Gin, Whisky, Rum, Wodka, Brandy etc.) dürfen auf alkoholfreien Produkten nicht verwendet werden – auch nicht mit relativierenden Zusätzen wie „frei von“ oder „alternative to“.
  • Alkoholhaltige Functional Spirits mit weniger als 15 Vol.-% sind ebenfalls keine Spirituosen im Rechtssinne und unterliegen nicht der SpirituosenVO – ein Graubereich, der von den Mitgliedstaaten unterschiedlich behandelt wird.

1.2 Die entscheidende Differenzierung: Alkoholgehalt als regulatorische Schwelle

Eine der bedeutendsten regulatorischen Schwellen in der EU ist der Alkoholgehalt von 1,2 Volumenprozent. Oberhalb dieser Grenze greift ein pauschales Verbot gesundheitsbezogener Angaben (Health Claims) sowie der meisten nährwertbezogenen Angaben (Nutrition Claims).

Diese 1,2-Prozent-Schwelle ist für Functional Spirits aus mehreren Gründen von zentraler Bedeutung:

  • Für alkoholhaltige Functional Spirits (>1,2 Vol.-%) : Keine Health Claims, keine Nutrition Claims (außer bezogen auf Alkohol- oder Energiegehalt). Damit können Hersteller nicht mit den funktionalen Vorteilen ihrer Produkte werben – ein fundamentaler Unterschied zum US-Markt, wo solche Aussagen unter bestimmten Voraussetzungen möglich sind.
  • Für alkoholfreie oder alkoholarme Functional Spirits (≤1,2 Vol.-%) : Health Claims und Nutrition Claims sind grundsätzlich zulässig – unterliegen jedoch den strengen Vorschriften der Health Claims Verordnung (EG) 1924/2006.
  • Für Produkte mit Alkoholgehalten zwischen 0,5 Vol.-% und 1,2 Vol.-% : Sie gelten rechtlich als alkoholfrei im Sinne der Health Claims VO, sind aber zugleich alkoholhaltig – ein juristischer Balanceakt, der in der Praxis zu Unsicherheiten führt.

Was bedeutet das für Functional-Spirits-Marken:

Die überwiegende Mehrzahl der Functional Spirits im US-Markt sind alkoholfrei (0,0 Vol.-%) oder alkoholreduziert (deutlich unter 0,5 Vol.-%) – mit der beabsichtigten Wirkung, die Effekte von Alkohol durch funktionale Inhaltsstoffe zu ersetzen. Diese Produkte können in der EU grundsätzlich als alkoholfreie Getränke nach den allgemeinen lebensmittelrechtlichen Vorschriften vermarktet werden. Sie können jedoch nicht als Spirituosen bezeichnet werden und müssen sich von geschützten Spirituosenbezeichnungen distanzieren.

Produkte, die Alkohol (auch in geringen Mengen) enthalten, um die sensorische Erfahrung zu verbessern, müssen die Alkoholsteuervorschriften des jeweiligen Mitgliedstaats berücksichtigen – eine zusätzliche regulatorische Hürde.



2. Die Novel Food-Verordnung (EU 2015/2283) – Die zentrale Hürde für funktionale Inhaltsstoffe

Die mit Abstand größte regulatorische Hürde für Functional Spirits in der EU ist die Novel Food-Verordnung (EU) 2015/2283. Nach dieser Verordnung gilt ein Lebensmittel als „neuartiges Lebensmittel“, wenn es vor dem 15. Mai 1997 nicht in nennenswertem Umfang in der EU für den menschlichen Verzehr verwendet wurde.

Novel Foods dürfen in der EU nur dann in Verkehr gebracht werden, wenn sie zuvor von der Europäischen Kommission nach einer Sicherheitsbewertung durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zugelassen wurden. Diese Zulassung ist aufwändig, kostspielig und kann mehrere Jahre in Anspruch nehmen.

2.1 Die Novel-Food-Situation zentraler funktionaler Inhaltsstoffe

InhaltsstoffkategorieNovel-Food-StatusKonsequenz für Functional Spirits
CBD (Cannabidiol)Novel Food / Keine ZulassungIn der EU nicht als Lebensmittel zugelassen; Markteintritt praktisch unmöglich
THC (Tetrahydrocannabinol)Betäubungsmittel (EU-weit)Vollständig verboten, keinerlei Verwendung in Lebensmitteln
AshwagandhaGrundsätzlich erlaubt, aber nationale VerboteIn Dänemark verboten; in anderen MS mit Restriktionen
Lion‘s Mane (Igelstachelbart)Teilweise Novel FoodFruchtkörper ggf. nicht novel; Extrakte meist novel-food-pflichtig
Reishi-PilzTeilweise Novel FoodFruchtkörper nicht novel; Myzel und Sporenpulver sind Novel Food
L-TheaninKomplexer StatusAus Grüntee extrahiert: nicht novel; synthetisch/fermentiert: Novel Food

2.2 CBD und THC in Functional Spirits – Ein faktisches Verbot

Die Situation für cannabidiolhaltige Functional Spirits in der EU ist besonders prekär:

  • THC-haltige Produkte (wie im US-Markt bei Marken wie Tattersall oder BRĒZ) sind in der EU kategorisch ausgeschlossen, weil THC in der EU als Betäubungsmittel eingestuft ist und in Lebensmitteln nicht verwendet werden darf.
  • CBD-haltige Produkte befinden sich in einer anhaltenden regulatorischen Grauzone. Der EuGH hat im November 2020 zwar klargestellt, dass CBD kein Betäubungsmittel ist, und die Europäische Kommission hat daraufhin bestätigt, dass CBD grundsätzlich als Lebensmittel betrachtet werden kann. Allerdings klassifiziert die Kommission CBD zugleich als Novel Food – und bis heute ist kein einziger CBD-haltiger Novel-Food-Antrag für Getränke zugelassen worden. Die Kommission hat die Entscheidung über die Zulassung von CBD als neuartiges Lebensmittel immer wieder vertagt.

Praktische Konsequenz: CBD-haltige Functional Spirits können in der EU nicht legal als Lebensmittel vermarktet werden. Die Behörden können Vertriebs- und Werbeverbote anordnen. Für US-Marken, deren Produkte auf CBD basieren, ist der EU-Markt damit faktisch verschlossen.

2.3 Der komplexe Status funktionaler Pilze

Funktionale Pilze wie Lion‘s Mane, Reishi und Cordyceps – zentrale Inhaltsstoffe vieler Functional Spirits – stellen eine weitere Novel-Food-Herausforderung dar. Die entscheidende Frage ist, welcher Teil des Pilzes verwendet wird:

Pilzart / BestandteilStatusBegründung
Reishi-FruchtkörperNicht Novel FoodNachweis der Verwendung vor 1997
Reishi-MyzelNovel FoodKeine Äquivalenz zum Fruchtkörper nachgewiesen
Reishi-SporenpulverNovel FoodGleicher Grundsatz; Novel-Food-Zulassung erforderlich
Lion‘s Mane-ExtrakteMeist Novel FoodStandardisierte Extrakte mit bioaktiven Verbindungen erfordern Zulassung

Für Functional-Spirits-Hersteller bedeutet dies: Die Verwendung von Pilzextrakten – die für eine standardisierte Wirksamkeit erforderlich sind – erfordert in der Regel eine Novel-Food-Zulassung.

2.4 Adaptogene: Zwischen Erlaubnis und nationalen Verboten

Adaptogene wie Ashwagandha, Rhodiola rosea und Ginseng sind in der EU nicht pauschal verboten. Dänemark hat im April 2023 als erster EU-Mitgliedstaat Ashwagandha in Nahrungsergänzungsmitteln verboten. Die französische Behörde ANSES rät bestimmten Bevölkerungsgruppen (Schwangeren, Stillenden) von der Verwendung ab.

Die Niederlande prüfen derzeit ein Verzeichnis verbotener Pflanzen und Pilze, das auch Ashwagandha umfassen könnte.

2.5 L-Theanin – Ein Fallbeispiel für die Bedeutung der Herkunft

L-Theanin, eine Aminosäure aus der Teepflanze (Camellia sinensis), wird in Functional Beverages häufig wegen seiner entspannenden, aber nicht sedierenden Wirkung eingesetzt. In der EU hängt der Novel-Food-Status von der Herkunft ab:

  • L-Theanin aus Grüntee-Extraktion: Nicht Novel Food (in Nahrungsergänzungsmitteln)
  • Synthetisches oder fermentiertes L-Theanin: Gilt als Novel Food (seit 2021) und darf ohne Zulassung nicht verwendet werden

Diese Differenzierung – nach Herstellungsverfahren und nicht nach Substanz – ist charakteristisch für die europäische Novel-Food-Regulierung und stellt eine erhebliche Hürde für die Skalierung dar.

3. Health Claims und Nutrition Claims – Das Werbeverbot für alkoholhaltige Functional Spirits

Die Health Claims Verordnung (EG) 1924/2006 regelt, welche gesundheits- und nährwertbezogenen Aussagen auf Lebensmitteln gemacht werden dürfen – und welche nicht.

3.1 Das pauschale Verbot für Getränke > 1,2 Vol.-%

Getränke mit einem Alkoholgehalt von mehr als 1,2 Volumenprozent dürfen weder Health Claims noch Nutrition Claims tragen – mit einer einzigen Ausnahme: Nutrition Claims, die sich auf eine Reduktion des Alkohol- oder Energiegehalts beziehen.

Was ist damit ausgeschlossen?

  • ❌ „Unterstützt die Stressresistenz“ (Health Claim)
  • ❌ „Mit Vitamin C“ (Nutrition Claim, falls nicht alkohol-/energiebezogen)
  • ❌ „Fördert die kognitive Leistungsfähigkeit“ (Health Claim)
  • ❌ „Reich an Ballaststoffen“ (Nutrition Claim)

Was ist erlaubt?

  • ✓ „Reduzierter Alkoholgehalt“ (erlaubte Ausnahme)
  • ✓ „Weniger Kalorien“ (erlaubte Ausnahme)

Praktische Bedeutung: Alkoholhaltige Functional Spirits (>1,2 Vol.-%) können nicht mit den funktionalen Vorteilen ihrer Inhaltsstoffe werben. Damit entfällt für diese Produkte das zentrale Marketingversprechen, das die Kategorie „Functional Spirits“ überhaupt definiert. In der Praxis bedeutet dies, dass alkoholhaltige Functional Spirits in der EU nur als alkoholarme Alternativen vermarktet werden können – nicht als funktionale Produkte mit spezifischen Wirkversprechen.

3.2 Die EU-Health-Claims-Liste (Artikel 13 und 14)

Für alkoholfreie Functional Spirits (≤1,2 Vol.-%) sind Health Claims grundsätzlich möglich – aber nur solche, die in der EU-weiten Positivliste zugelassener Health Claims enthalten sind (Artikel 13(1) Claims) oder eine spezielle Genehmigung nach Artikel 13(5) oder Artikel 14 erhalten haben.

Die Positivliste enthält über 200 zugelassene Claims – sie beziehen sich jedoch fast ausschließlich auf Nährstoffe und Vitamine (z. B. „Vitamin C trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei“). Für die für Functional Spirits relevanten botanischen und adaptogenen Wirkungen (wie Entspannung, Fokus, Stressreduktion) existieren keine oder nur sehr wenige zugelassene Claims.

Hersteller alkoholfreier Functional Spirits könnten theoretisch einen neuen Health Claim nach Artikel 13(5) oder Artikel 14 beantragen – dies ist jedoch mit erheblichem Aufwand (wissenschaftliche Evidenz, EFSA-Bewertung, Kommissionsentscheidung) verbunden und dauert in der Regel mehrere Jahre.

3.3 Praktische Konsequenzen für die Kommunikation

Claim-TypAlkoholhaltig (>1,2 % vol)Alkoholfrei (≤1,2 % vol)
Funktionaler Claim (z. B. „unterstützt Entspannung“)VERBOTENNur mit zugelassenem Health Claim möglich
Nährwertbezogener Claim (z. B. „reich an Antioxidantien“)VERBOTEN (außer Alkohol-/Energiereduktion)Nur mit zugelassenem Nutrition Claim möglich
Sachliche Inhaltsstoffangabe (z. B. „mit Ashwagandha“)GRUNDSÄTZLICH ERLAUBT (wenn nicht als Health Claim verstanden)GRUNDSÄTZLICH ERLAUBT
Lifestyle-/Genusskommunikation (z. B. „der perfekte Begleiter für bewusste Momente“)ERLAUBTERLAUBT

4. Koffein in Functional Beverages – EU-Regulierung im Überblick

Koffein ist ein zentraler Bestandteil vieler Functional Spirits (insbesondere nootropischer und energiefokussierter Produkte). In der EU gelten folgende Regelungen:

  • Kennzeichnungspflicht: Getränke mit mehr als 150 mg Koffein pro Liter müssen den Hinweis tragen: „Erhöhter Koffeingehalt. Für Kinder und schwangere oder stillende Frauen nicht empfohlen.“
  • Höchstmengen: Nach nationalen Umsetzungen (wie der deutschen Fruchtsaft- und Erfrischungsgetränkeverordnung) liegt die Höchstmenge bei 320 mg Koffein pro Liter.
  • EFSA-Empfehlungen: Für gesunde Erwachsene gilt eine über den Tag verteilte Aufnahme von bis zu 400 mg Koffein als unbedenklich; für Kinder und Jugendliche wird ein Sicherheitsniveau von max. 3 mg Koffein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag vorgeschlagen.

Praktische Bedeutung für Functional Spirits:

  • Die Koffein-Höchstmenge von 320 mg/l begrenzt die Konzentration – für stark koffeinhaltige Functional Spirits bedeutet dies eine Beschränkung auf etwa 2 – 3 Tassen Kaffee Äquivalent pro Liter.
  • Die Kennzeichnungspflicht ist für Functional Spirits mit „Erhöhter Koffeingehalt“ obligatorisch.


5. Vergleich EU vs. USA – Divergierende Regulierungsphilosophien

RegulierungsaspektEuropäische Union (EU)Vereinigte Staaten (USA)
GrundphilosophieVorsorgeprinzip; vorherige Zulassung erforderlichGenerally Recognized as Safe (GRAS); Marktzugang bis zum Nachweis eines Problems
Definition „Functional Beverage“Keine eigenständige Kategorie; reguliert als LebensmittelKeine eigenständige Kategorie; reguliert als Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel
CBD in LebensmittelnNovel Food – keine Zulassung (faktisches Verbot)GRAS-Status umstritten; Marktzugang unter bestimmten Bedingungen möglich
THC in LebensmittelnVollständig verboten (Betäubungsmittel)In bestimmten Bundesstaaten legal (z. B. hempextrakt-basierte Produkte unter Farm Bill)
Health Claims für alkoholhaltige GetränkePauschales Verbot für Getränke > 1,2 Vol.-%Möglich unter FDA-Aufsicht (aber mit Nachweis- und Qualifikationsanforderungen)
Botanische Inhaltsstoffe (Adaptogene)Novel-Food-Prüfung + nationale Verbote möglich (z. B. Ashwagandha in Dänemark)GRAS; weniger restriktiv
Koffein-Höchstmengen320 mg/l (national umgesetzt)Keine bundesweite Höchstmenge; primär Selbstbeschränkung der Industrie
GRAS-SelbstbestätigungNicht vorgesehen; Novel-Food-Zulassung erforderlichZentrales Instrument; aktuell in der Diskussion (FDA-Regel angekündigt)


6. Marktzugangsstrategie für Functional Spirits in der EU

Für US-amerikanische Functional-Spirits-Marken, die nach Europa expandieren wollen, ergeben sich aus der regulatorischen Analyse folgende strategische Optionen:

6.1 Option 1: Alkoholfreie Functional Beverages als Lebensmittel

Empfohlen für: Produkte ohne CBD/THC, mit standardisierten, Novel-Food-konformen Inhaltsstoffen (bestimmte Adaptogene, bestimmte Pilzextrakte). Diese Produkte werden als allgemeine Lebensmittel (nicht als Spirituosen) kategorisiert.

Herausforderungen:

  • Keine Verwendung von Spirituosenbezeichnungen (Gin, Whisky etc.) im Produktnamen möglich.
  • Health Claims für botanische Wirkungen sind nicht oder nur schwer verfügbar.

Praktische Strategie: Fokussierung auf Lifestyle- und Genusskommunikation („bewusster Genuss“, „erwachsenes Trinkerlebnis“) statt explizite Health Claims.

6.2 Option 2: Alkoholreduzierte Functional Beverages (<1,2 Vol.-%)

Empfohlen für: Produkte, die einen geringen Alkoholgehalt (z. B. 0,5 % – 1,0 %) aus sensorischen Gründen enthalten.

Vorteile:

  • Restalkohol kann das Geschmacksprofil verbessern.
  • Liegt unter der 1,2-Prozent-Schwelle → Health Claims sind nicht pauschal ausgeschlossen.

Herausforderungen:

  • Alkoholsteuerpflicht in den Mitgliedstaaten (unterschiedliche Sätze; Deutschland: 1.303 Euro pro Hektoliter reinen Alkohols).
  • Komplexität durch 28 verschiedene Mitgliedstaaten-Regelungen.

6.3 Option 3: Alkoholfreie „Spirituosen-Alternativen“ mit novel-food-konformen Inhaltsstoffen

Empfohlen für: Produkte, die gezielt funktionale Wirkungen (Fokus, Entspannung) erzielen wollen.

Vorgehen:

  1. Prüfung des Novel-Food-Status aller Inhaltsstoffe anhand des EU-Katalogs.
  2. Für Novel-Food-pflichtige Inhaltsstoffe: Antragstellung bei der Europäischen Kommission (EFSA-Bewertung).
  3. Verwendung von Bezeichnungen wie „alkoholfreier Aperitif“, „funktionaler Tonic“ – nicht „Gin“ oder „Whisky“.
  4. Keine Health Claims ohne spezifische Zulassung.

6.4 Option 4: Ergänzungsmittel (Nahrungsergänzungsmittel)

Empfohlen für: Hochkonzentrierte Functional Produkte in kleineren Portionsgrößen (z. B. 50 – 100 ml).

Vorteile:

  • Weniger restriktive Novel-Food-Bestimmungen für bestimmte Inhaltsstoffe.
  • Health Claims sind unter bestimmten Bedingungen möglich.

Herausforderungen:

  • Andere rechtliche Kategorisierung (kein Getränk mehr im Sinne der GetränkeVO).
  • Vertriebsbeschränkungen (Apotheken, Reformhäuser).


7. Mitgliedstaatliche Besonderheiten

7.1 Deutschland

  • Alkoholsteuer: 1.303 Euro pro Hektoliter reinen Alkohols (Regelsteuersatz); für Alkopops zusätzlich 5.550 Euro pro Hektoliter reinen Alkohols.
  • Koffein-Höchstmenge: 320 mg/l gemäß Fruchtsaft- und Erfrischungsgetränkeverordnung.
  • BfR-Empfehlungen: 400 mg/Tag für Erwachsene; 3 mg/kg KG/Tag für Kinder/Jugendliche.

7.2 Frankreich

  • Evin-Gesetz (1991): Strenge Regulierung der Werbung für alkoholische Getränke.
  • Alkoholfreie Kategorien: Neue Klassifikationen für alkoholfreie (0 – 0,5 Vol.-%) und alkoholreduzierte Weine.

7.3 Dänemark

  • Ashwagandha-Verbot: Als erster EU-Staat im April 2023 verboten – alle Produkte mit Ashwagandha mussten aus den Regalen entfernt werden.
  • CBD-regulierung: Sehr restriktiv; praktisch kein Marktzugang.

7.4 Allgemeine Empfehlung

Functional-Spirits-Marken sollten ihren Markteintritt in der EU in einem einzelnen Mitgliedstaat beginnen (z. B. Deutschland, Niederlande, Spanien), die lokalen regulatorischen Anforderungen erfüllen und dann über die gegenseitige Anerkennung (Anerkennungsprinzip des EU-Binnenmarkts) in andere Mitgliedstaaten expandieren.



8. Ausblick: Mögliche regulatorische Entwicklungen

Die Regulierung von Functional Spirits in der EU ist dynamisch. Mehrere Entwicklungen sind für die kommenden Jahre absehbar:

  1. CBD-Entscheidung des EuGH (voraussichtlich 2026/2027): Der französische Richter hat dem EuGH mehrere Vorlagefragen zur Novel-Food-Einstufung von CBD zur Entscheidung vorgelegt. Diese Entscheidung könnte Klarheit bringen – oder die Rechtsunsicherheit weiter erhöhen.
  2. Abschluss der GRAS-Anpassung in den USA: Die FDA-Regel zur Abschaffung der GRAS-Selbstbestätigung könnte sich auf die EU-Perspektive auswirken, wenn US-Marken stärker reguliert werden.
  3. Mögliche Reform der Novel-Food-Verordnung: Branchenverbände drängen auf schnellere Zulassungsverfahren für traditionell genutzte botanische Stoffe („traditional use“ als eigenständige Kategorie).
  4. Nationale Alleingänge: Die zunehmende Zahl nationaler Verbote (Ashwagandha in Dänemark) untergräbt den EU-Binnenmarkt – eine Harmonisierung ist absehbar, aber nicht kurzfristig.
  5. Koffein-Höchstmengen: Diskussionen über eine EU-weite Harmonisierung der Koffein-Höchstmengen könnten zu einer Anpassung der nationalen Regelungen führen.


Zusammenfassung für das Whitepaper

Die Regulierung von Functional Spirits in der EU unterscheidet sich fundamental von der US-amerikanischen Herangehensweise. Während der US-Markt durch die GRAS-Doktrin und eine grundsätzlich marktoffenere Haltung geprägt ist, basiert die europäische Regulierung auf drei zentralen Säulen: (1) der Novel-Food-Verordnung, die viele moderne funktionale Inhaltsstoffe einer vorherigen Zulassung unterwirft; (2) der Health Claims Verordnung, die gesundheitsbezogene Werbung für alkoholhaltige Getränke pauschal verbietet; und (3) der Spirituosenverordnung, die alkoholfreien Produkten die Verwendung geschützter Spirituosenbezeichnungen untersagt.

Für US-amerikanische Functional-Spirits-Marken bedeutet der Markteintritt in die EU:

  • Hohe Eintrittshürden durch Novel-Food- und Health-Claims-Regulierungen.
  • Kein Marktzugang für CBD/THC-basierte Produkte (faktisches Verbot).
  • Keine Verwendung von Spirituosenbezeichnungen (Gin, Whisky etc.) für alkoholfreie Produkte.
  • Strategische Entscheidung zwischen alkoholfreier Kategorie (Health Claims möglich, aber aufwändig) und alkoholhaltiger Kategorie (Health Claims unmöglich).
  • Nationale Unterschiede innerhalb der EU (z. B. Ashwagandha-Verbot in Dänemark) erfordern eine differenzierte Markteintrittsstrategie.

Der europäische Markt für Functional Beverages bleibt mit einem Volumen von über 38 Milliarden US-Dollar und einer Verdopplung bis 2034 hochattraktiv – aber nur für Marken, die bereit sind, die regulatorischen Hürden systematisch zu adressieren.



Quellen für den Anhang

  1. Regulation (EU) 2019/787 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 17. April 2019 über die Begriffsbestimmung, Bezeichnung, Aufmachung und Kennzeichnung von Spirituosen
  2. Regulation (EU) 2015/2283 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 25. November 2015 über neuartige Lebensmittel (Novel Food-Verordnung)
  3. Regulation (EC) No 1924/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. Dezember 2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel (Health Claims-Verordnung)
  4. EuGH, Urteil vom 19. November 2020 – C-663/18 (BS CA)
  5. EuGH, Vorlagefragen des französischen Gerichts – C-495/25 (Syndicat professionnel du chanvre)
  6. BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung): Koffein-Bewertungen (2026)
  7. Deutsches BZSt: Alkoholsteuer-Regelsteuersatz 2025
  8. Dänemarks Ashwagandha-Verbot (April 2023)
  9. EFSA Scientific Opinion on Caffeine (2015)
  10. Deep Market Insights: Europe Functional Beverages Market Report (2026)
  11. IGD: How lo/no is reshaping European shelves (2026)
Functional Spirits (Whitepaper mit Hilfe von KI erstellt)
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